Drei

Das Wesen betrachtete die Kugel aufmerksam. Ab und an drehte es sie leicht, seine Hände und dolchartigen Fingernägel in ständiger Bewegung.

Die Bleikugel in Maylas Herz schmerzte. Mayla verlagerte ihr Gewicht, spürte jeden Muskel in ihrem Körper wie eine Bürde, an der sie schwer zu tragen hatte. Am liebsten wäre sie auf der Stelle ins Reich der Feen zurückgekehrt. Dorthin, wo es immer schön war. Doch es gab keinen Weg zurück. Jedenfalls jetzt noch nicht. Wenn Mayla ein Feenflämmchen, ein Licht im Dunkeln, sein wollte, so würde sie bleiben und Erfahrungen sammeln müssen. Es gab keine andere Möglichkeit. Sie atmete leise tief ein und aus.

Das Wesen hielt die Glaskugel im Schoß. „Hihihihihi“, kicherte es. Dann schaute es sich zu den Glühwürmchen um. „Die Zeit der Abrechnung ist gekommen, meine Freunde!“, schnarrte es und nickte grimmig. „Sie wird ihre gerechte Strafe erhalten!“

Die Würmchen flogen auf und ab und hin und her, einem Freudentanz gleich.

Das Wesen lachte krächzend. Hustete. Krümmte sich. Lachte.

Maylas Herz klopfte wild. Das Würmchen hatte sie in eine Falle gelockt! Nicht lange und es würde ihre Anwesenheit verraten! Sie wich zurück, richtete sich auf und lief, so schnell sie konnte, den holprigen Weg zurück. In ihrem Rücken hörte sie das Wesen kreischen.

„Schafft das Mädchen herbei! Sofort“, schrie es.

Mayla kauerte sich auf den Boden. Er war uneben und kalt. Mit dem Rücken lehnte sie sich an die Felswand, die zu einer schmalen Höhle gehörte – einer Öffnung im Gestein, die sie durch Zufall entdeckt hatte. Mayla war mit den Zehen an einer der wuchernden Schlingpflanzen hängengeblieben, die den Pfad wie Adern überzogen, und kopfüber in den Eingang gestolpert. Esra hatte ihr den Weg zu dem Platz geleuchtet, an dem sie nun saß.

Mayla versuchte ihren Atem zu beruhigen, atmete tief ein und aus. Ihr Herz hämmerte. Sie schloss die Augen, versuchte das Bild des furchtbaren Wesens aus ihrem Kopf zu verbannen. Hoffentlich muss ich diese Kreatur nie wiedersehen, dachte sie voller Wut. Wut auf sich selbst, weil sie so leichtgläubig dem Glühwürmchen gefolgt war. So etwas würde ihr nie wieder passieren. Nie wieder!

Die Bleikugel in ihrem Herzen meldete sich schmerzhaft. Mayla hatte das Verlangen, sie loszuwerden. Am besten auf der Stelle. Tränen liefen über ihre Wangen und ihren Hals, tropften auf ihr Kleid. „Ich will, dass du verschwindest!“, stieß sie bitter hervor. „Du tust mir weh! Geh weg! Einfach weg!“ Sie schluchzte. Ihr Schluchzen hallte von den Wänden wider.

„Das, was du loswerden willst, muss bleiben“, sagte Esra. Sie schwang ihre Schaukel, die Füßchen bei jedem Schwung nach vorne gestreckt.

Mayla wischte sich Tropfen vom Kinn. „Das verstehe ich nicht.“ Sie schniefte.

„Das, was du liebst“, erklärte Esra, „quält dich nicht. Es ist dein bester Freund, deine beste Freundin.“

„Wenn ich die schwere Kugel ablehne, wird sie mich weiterquälen. Ist das richtig?“, fragte Mayla.

Esra zog ihre Beinchen an und holte Schwung. „So ist es.“

Mayla konzentrierte sich auf ihre Brust. Doch sie sah beim besten Willen keine Möglichkeit, die Bleikugel zu mögen, geschweige denn zu lieben. „Ich kann es nicht!“, sagte sie.

„Das ist in Ordnung“, meinte Esra. „Die Zeit wird kommen, in der du es kannst.“

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