Eins

 

Wellen rauschten.

Ein kräftiger Windstoß riss Maylas Kapuze vom Kopf, verwirbelte ihre Haare und ihren Mantel. Mit einer Hand hielt sie sich am Bug fest, mit der anderen umklammerte sie die Laterne, in der das Flämmchen Esra auf seiner Schaukel saß.

Die Zukunft lag wie ein fremder Weg vor Mayla. Wo würde der Weg sie hinführen? Welche Hindernisse würde er haben?

Sie starrte in den Nebel, der über das Meer waberte, und reiste gedanklich zurück an den Ort, an dem sie aufgewachsen war. Er war auf der Erde als Das Reich der Feen bekannt. Weil man ihn mit dem bloßen Auge und dem Fernrohr nicht sehen konnte, behaupteten einige Menschen, dass er nicht existieren könne. Anderen war er gleichgültig. Manche jedoch wünschten sich ab und an Hilfe aus diesem Reich herbei, besonders wenn es ihnen nicht gut ging.

„Ich bin mir sicher, was ich werden möchte“, hatte Mayla der Großen Mutter und dem Großen Vater des Feenreiches verkündet. „Ein Feenflämmchen für Menschenkinder!“

„Es ist ein unebener Pfad, den du beschreiten möchtest“, hatte der Große Vater geantwortet und tief in Maylas Herz geblickt. „Doch ich erkenne, wie wichtig es dir ist, ein Licht im Dunkeln zu sein.“

„Es gibt einen Planeten, auf dem du alles lernen kannst“, hatte die Große Mutter gesagt.

Mayla wollte für Kinder da sein, wollte Erfahrungen sammeln, um zu verstehen und zu erleben, was Kinder fühlten. Und dafür musste sie ein Mensch sein.

Würde sie ihrer Aufgabe gerecht werden?

Sie blinzelte. „Feenflämmchen, Feenflämmchen, führe mich weise auf meiner Reise“, sagte Mayla zu Esra. „Mir ist, als flattere etwas in meinem Inneren herum. Was ist das?“ Sie hielt die Laterne nah an ihr Gesicht.

Das Flämmchen stellte sich an die Scheibe und wärmte Maylas Wange. „Aufregung. Sie macht sich wie ein Schwarm Motten in deiner Brust bemerkbar. Es ist die Sorge vor dem Unbekannten.“ Esra lächelte.

Die Wellen ließen das Boot stärker schwanken und Mayla hatte Mühe, ihr Gleichgewicht zu halten.

Esra hüpfte auf ihre Schaukel und schwang vor und zurück. „Schenke den flatterhaften Wesen deine Aufmerksamkeit. Interessiere dich für sie, beobachte sie.“

Mayla nickte und verfolgte, was die aufgeregten Tierchen machten. „Ihr dürft mich auf meiner Reise begleiten“, sagte sie zu ihnen.

Die Motten flatterten wild durcheinander, als das Boot plötzlich von einer kräftigen Welle erfasst wurde. Der Bug wurde steil angehoben und sogleich hinabgezogen. Meerwasser spritzte zu allen Seiten. Mayla versuchte, ihren Stand zu behalten und atmete tief durch. Die nächste Welle schwemmte Wasser ins Boot. Da drückte der Schwarm unangenehm von innen gegen Maylas Brust. „Was kann ich tun, damit es den Motten besser geht?“, fragte sie das Flämmchen.

„Erlaube ihnen, zu fühlen, wie sie fühlen.“

Mayla tat, was Esra geraten hatte. Währenddessen tänzelte das Boot, ähnlich einer halben Nussschale, hin und her und auf und ab. Und immer so weiter. Bis sich der Wind und die See allmählich beruhigten und sich die Tierchen, ebenso wie der Nebel, aufgelöst hatten.

In der Ferne sah Mayla das Ufer, das von hellen Lichtern beleuchtet wurde.

Wer wohnte wohl dort?

 

© Christiane Jopp

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