Zwei

Die Wellen spülten das Boot in eine kleine Bucht. Es knirschte laut, als sich der Bug in den mit Steinen übersäten Untergrund bohrte. Mayla hielt die Laterne in einer Hand, mit der anderen Hand stützte sie sich an der Reling ab. Sie hob einen Fuß und tauchte mit ihrem Schuh ins Wasser. Es war viel kälter als sie angenommen hatte. Ein Frösteln kroch über ihren Körper. Sie zog den zweiten Fuß nach. Weißwasser umspülte ihre nackten Beine und tränkte den Saum ihres Kleides. Eilig raffte sie ihren Rock. Mit den Zehenspitzen ertastete sie sich den Weg zwischen kantigen Steinen hindurch zu einem flachen Felsbrocken. Dort blieb sie stehen.
Das Flämmchen Esra hüpfte von seiner Schaukel und drückte das Gesicht an die Scheibe.
Mayla schwenkte die Laterne mit ausgestrecktem Arm langsam von links nach rechts. Doch sie konnte nicht erkennen, was vor ihr lag.
Esra drehte ihr Gesicht zu Mayla. „Es ist wohl besser, wenn ich für eine Weile unsichtbar bin.“ Sie kletterte zurück auf die Schaukel. Im nächsten Augenblick löste sich ihre helle Flamme auf.
„Das Mondlicht hilft dir beim Sehen im Dunkeln“, hörte Mayla Esra flüstern. „Die Augen der Menschen gewöhnen sich schnell an ihre Umgebung.“ Die Schaukel schwang vor und zurück.
Mayla ließ die Laterne sinken und stierte in die Dunkelheit. Steile Felswände ragten zwei Steinwürfe entfernt in den Himmel.
Männerstimmen drangen an Maylas Ohren. Sie zuckte zusammen. „Feenflämmchen, Feenflämmchen“, wisperte sie. „Du führst mich doch weise auf meiner Reise, nicht wahr?“ Sie schaute zum Boot. Nur für alle Fälle. Es war noch da.
„Natürlich, Liebes!“, antwortete Esra leise. „Vielleicht solltest du ebenfalls für eine Weile nicht zu sehen sein.“
„Wie stelle ich das an?“, fragte Mayla leicht aufgebracht. „Schließlich kann ich mich nicht mehr, so wie du, in Luft auflösen.“
„Verberge dich im Schatten eines Findlings. Dort kannst du warten, bis du weißt, was zu tun ist.“
Mayla nickte. Behutsam setzte sie einen Schritt vor den nächsten. Wieder und wieder. Sie bahnte sich in geduckter Haltung den Weg zu einem nahe gelegenen ovalen Steinkoloss. Er war einer von mehreren Felsbrocken, die in der Bucht lagen. Mayla lehnte sich mit dem Rücken an ihn und stellte die Lampe neben sich ab.
Männer- und Frauenstimmen waren entfernt zu hören. Ein gedämpfter Knall ertönte. Hunde bellten. Ein Mädchen kreischte auf, weinte. Es knallte erneut. Stille.
Mayla hielt den Atem an. Wellen rauschten.
„Scheint so, als befänden wir uns unterhalb einer befestigten Stadt“, wisperte Esra. „Bestimmt führt ein Weg hinauf.“
Mayla stieß die Luft aus. „Du meinst doch wohl nicht etwa …“ Mitten im Satz stockte sie. Ein winziges Tierchen tänzelte plötzlich vor ihrer Nase in der Luft auf und ab. Es ähnelte einem Glühwürmchen. Es hatte zwei zarte Flügelchen, jeweils zwei dünne Fühler an Kopf und Hals und einen hell glühenden runden Körper. Der Kopf leuchtete ebenfalls, jedoch nicht so strahlend wie das Hinterteil. Es fehlte ein Gesicht.
„Hallo Kleines“, flüsterte Mayla. „Wo kommst du denn auf einmal her?“
Das Würmchen blieb für einen Augenblick in der Luft stehen. Dann flog es ein Stück fort, drehte sich zu Mayla um und winkte sie zu sich.
Mayla griff nach der Laterne und stand auf. Mittlerweile hatte sich das glühende Pünktchen noch weiter von ihr entfernt, sodass sie kurzerhand beschloss, ihm zu folgen.
Ab und an drehte sich das Würmchen zu ihr um, wartete auf sie. Dann sauste es wieder ein Stück voran. Und immer so weiter, bis sie zu einer Treppe kamen. Grobe Stufen führten eine steile Felswand hinauf.
Das Würmchen hielt einen Fühler vor sein Gesicht, als wolle es sagen: Pst, du musst jetzt mucksmäuschenstill sein!
Mayla nickte und kletterte hinter ihm her. Nach einer Weile gabelte sich die Treppe. Nach links führten die Treppenstufen weiter steil hinauf. Nach rechts wurde der Weg flacher.
„Warte einen Moment hier“, flüsterte Esra. „Ich bin sofort wieder da. Ich möchte mich nur kurz umschauen.“
Mayla wartete.
Das Glühwürmchen kam nah an Maylas Gesicht herangeflogen und fuchtelte hektisch mit seinen Fühlern.
„Müssen wir uns beeilen?“, wisperte Mayla.
Das Würmchen nickte.
„Der steile Weg führt zu einem Holztor“, sagte Esra leise. Sie war schon wieder zurück in ihrer Laterne. „Es wird von zwei Männern in Rüstungen bewacht“, fuhr Esra fort. „Wir sollten den anderen Weg nehmen.“
Das Glühwürmchen tänzelte in der Luft. Sogleich sauste es voran.
Mayla folgte ihm.
Stimmen, aus dem Ort hinter den befestigten Mauern, wurden von Schritt zu Schritt deutlicher. Sie redeten in einer Sprache, die Mayla verstand. „Prüfung“, „lebloses Leben“ waren die Worte, die Mayla aufschnappte. Sie fröstelte.
Der Weg wurde schmaler. Er führte an Blättern vorbei, die sich verzweigt an der Felswand entlangrankten. Es raschelte.
Mayla blieb ruckartig stehen. Eine Ranke löste sich und kam auf Mayla zu, als wolle sie nach ihr greifen. Mayla wich zurück.
„Böses hält diese Stadt im Griff“, flüsterte Esra. „Geschwind! Wir müssen weiter!“
Auch das Würmchen mahnte zur Eile. Es winkte aufgeregt mit seinen Fühlern.
Mayla stolperte mit weichen Knien hinter ihm her.
Sie kamen an Blätterwerk vorbei, das beinahe die gesamte Felswand bedeckte. Mit jedem Schritt fiel es Mayla schwerer, einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Eine Bleikugel schien sich unbemerkt in ihrem Herzen eingenistet zu haben. Mayla atmete schwer. „Dieser Ort macht mich traurig“, sagte sie japsend. „Sehr traurig!“
Das Glühwürmchen winkte noch ungeduldiger.
Wolken schoben sich vor den Mond. Sämtliche Geräusche der Stadt waren verstummt. Einzig die Wellen des Meeres, das sich unter ihnen erstreckte, rauschten.
Mayla gab sich einen Ruck und ging weiter. Lebloses Leben, dachte sie. Das waren die Worte gewesen, die eine Frau vor wenigen Minuten gerufen hatte. Wie konnte ein Leben ohne Leben sein? Für Mayla ergab es keinen Sinn. Jedenfalls noch nicht.
Plötzlich hielt das Würmchen an – vor einer bodentiefen Öffnung im Felsen. Herum spannten ineinander verflochtene Blätterranken ein dichtes Netz über das Gestein. Schwacher Lichtschein drang aus dem Inneren heraus.
Mayla näherte sich zögerlich.
Das Glühwürmchen flatterte hinein.
Auf Zehenspitzen schlich Mayla an die Felswand heran und wagte einen Blick ins Innere. Die Laterne mit dem Feenflämmchen behielt sie in der Hand. Das war ihr lieber so.
Unzählige Würmchen erleuchteten die Höhle. In ihrem Licht war ein Wesen zu sehen, das in einem Rollstuhl saß. Es hatte bläuliche, grünbraune Haut, lange Fingernägel und ein Furcht einflößendes Gesicht. Schwarze Muster waren in seine nackte Haut tätowiert und abgenagte Knochen hingen an dünnen Fäden von seinen durchstochenen Ohrläppchen herab.
War das Wesen ein Troll oder ein Mensch? Mayla hätte es nicht sagen können. Doch etwas erkannte sie mit Gewissheit. Sich selbst – in einer Glaskugel, die das Wesen in seinen Krallen hielt.

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